Das Gemüt
Das Gemüt
In der Philosophie von Sant Mat (Pfad der Meister) ist die Seele ihrem Wesen nach ein Tropfen aus dem Ozean des Schöpfers. In ihrem gegenwärtigen Zustand ist sie jedoch tief in der materiellen Schöpfung verstrickt und von den 5 Tattwas (Elemente), den 25 Prakritis (Ur-Materie), den 3 Gunas (Grundqualitäten der Materie und des Bewusstseins), der Maya (Illusion oder Täuschung) und dem Gemüt umhüllt. Unter der Herrschaft des Gemüts, welches wiederum von den Sinnen nach außen gelenkt wird, hat die Seele die Erinnerung an ihre wahre Heimat verloren.
Eine Befreiung der Seele ist erst möglich, wenn sie aus der Knechtschaft dieser Hüllen gelöst wird, die Sphären von Gemüt und Intellekt überschreitet und die Innere Schau (Innere Sicht) geöffnet wird. Erst wenn diese inneren Barrieren durchbrochen sind, kann die Seele sich selbst als reiner Geist erkennen und den Weg zurück zum „Ozean“ antreten, von dem sie ursprünglich abstammt.
Das Gemüt erfüllt innerhalb des inneren Organs (Antahkaran) vier grundlegende Funktionen. Das Verständnis dieser Dynamik ist entscheidend für die spirituelle Psychologie:
Chit (Das Bewusstseinsfeld / Gedächtnis): Chit ist die Leinwand oder der Speicherort aller Eindrücke.
Manas (Die Denkfähigkeit): Manas ist die Instanz, die über die Eindrücke nachsinnt und Gedankenwellen formt.
Buddhi (Der Intellekt / Schiedsrichter): Buddhi ist die Fähigkeit des Schlussfolgerns und der Unterscheidung. Nachdem Manas die verschiedenen Optionen abgewogen hat, fungiert Buddhi als der „große Schiedsrichter“, der die endgültige Entscheidung trifft und versucht, die Probleme des Lebens zu lösen.
Ahankar (Das Ego): Ahankar ist die selbstbehauptende Fähigkeit. Dieser Aspekt identifiziert sich mit den Handlungen und verlangt nach Anerkennung.
Der funktionale Ablauf der Gedankenbildung vollzieht sich in einer präzisen Kette:
Einströmen: Eindrücke fließen kontinuierlich in den See von Chit.
Bewegung: Die Brise des Bewusstseins bewegt die Oberfläche, woraufhin Manas beginnt, Wogen und Wellen in Form von Gedanken zu erzeugen.
Entscheidung: Buddhi prüft das Für und Wider dieser Gedankenwellen und fällt ein Urteil.
Identifikation (Täterschaft): Ahankar nimmt das Ergebnis für sich in Anspruch und sagt: „Ich habe dies getan“. Erst durch diesen Anspruch der „Täterschaft“ wird die Handlung zu bindendem Karma, das die Seele an die Schöpfung fesselt.
Das Gemüt ist hierarchisch gegliedert und verändert seine Form und Subtilität je nach Bewusstseinsebene:
Physische Ebene (Pind) – Pindi Man: Dies ist der physische Verstand. Seine Neigungen sind nach außen gerichtet, zersplittert und extrem schwer zu beherrschen.
Astrale Ebene (Anda) – Andi Man: Das astrale Gemüt befindet sich in Sahasdal Kanwal. Es wirkt wie ein „weiser Feind“, der versucht, uns in den astralen Regionen (Himmel und Höllen) festzuhalten. Seine Neigungen sind jedoch erhebender als die des physischen Gemüts.
Kausale Ebene (Brahm Lok) – Nijman (Brahm): Das universale Gemüt in Trikuti besteht aus reinstem Gemütsstoff (Maya). Viele Suchende verwechseln es mit dem reinen Geist, da es so fein und alles durchdringend erscheint.
Jede Identifikation durch Ahankar führt zu einer Ernte von Karmas. Die Meister nutzen das Gleichnis eines Bauern, um die drei Arten von Karma zu verdeutlichen:
Kriyaman (Die neue Saat): Dies sind die Handlungen, die wir im gegenwärtigen Leben durch unseren freien Willen vollziehen. Es ist, als ob der Bauer frei wählt, ob er Weizen oder Mais sät.
Pralabdh (Das Schicksal): Das Karma, das für das aktuelle Leben zur Auszahlung bestimmt wurde. Es ist der Anteil der Ernte, den der Bauer für seinen täglichen Verbrauch beiseitegelegt hat. Hier haben wir keine Wahl; wir müssen leben, was wir gesät haben.
Sanchit (Der Vorrat): Der gewaltige Speicher an Handlungen aus unzähligen früheren Leben, die noch keine Frucht getragen haben. Es ist der Überschuss im Speicher des Bauern, der auf künftige Verwendung wartet.
Dabei spielt die moralische Qualität keine Rolle für die Bindung der Seele, da das Motiv entscheidend ist: „Gute Handlungen kann man mit Fesseln aus Gold und schlechte mit Fesseln aus Eisen vergleichen; beide halten uns gleichermaßen gebunden.“
Die Befreiung der Seele kann nicht durch das Gemüt selbst erreicht werden, da dieses den Gesetzen des Karmas unterworfen ist. Die spirituelle Lösung liegt in der Praxis des Simran und der Konzentration auf den Tonstrom (Shabd).
Das Gemüt ist durch unzählige Leben mit dem „Rost“ von Verhaftungen und weltlichen Eindrücken bedeckt. Durch Simran (die Wiederholung der Namen Gottes) werden die alltäglichen Gedanken ersetzt und dieser Rost allmählich entfernt. Erst wenn der Rost gelöst ist, kann der Tonstrom wie ein gewaltiger Magnet wirken, der die Seele nach oben zieht.
Sobald die Seele die Ebene von Trikuti (die Region des Nijman) überschreitet, lässt sie alle mentalen und kausalen Hüllen zurück. In diesem Moment erfährt sie Selbst-Verwirklichung und reist als reiner Geist weiter in die rein spirituellen Regionen. Dieser Weg ist nur durch die Gnade und Führung eines lebenden Meisters möglich, der die Seele mit dem schöpferischen Tonstrom verbindet.